Höhengolf: warum der Ball in Crans und Samedan weiter fliegt
Rund zwei Prozent mehr Carry pro 300 Höhenmeter, und der Effekt ist beim Driver am grössten und beim Wedge fast null.
Kurz gefasst
- Auf 1'500 Metern sind das etwa zehn Prozent gegenüber der Ebene.
- Das Gefälle nimmt mehr, als die Höhe schenkt.
- Die Flugkurve wird flacher: mehr Rollweg einplanen.
- Höhenplätze öffnen im Mai, das Engadin teils erst im Juni.
- Erste Runde ohne Zählen, dafür mit notierten Distanzen.
In Crans-Montana und in Samedan fliegt der Ball weiter, und das ist keine Einbildung. Auf 1’500 bis 1’700 Metern ist die Luft spürbar dünner, der Ball trifft auf weniger Widerstand. Das Problem ist nicht der Distanzgewinn, sondern die Frage, wie gross er ist und bei welchen Schlägern er zählt.
Die Faustregel: zwei Prozent pro 300 Meter
Als Ausgangspunkt gilt: rund zwei Prozent mehr Carry pro 300 Höhenmeter. Auf 1’500 Metern über Meer sind das etwa zehn Prozent gegenüber der Ebene, auf 1’700 Metern in Samedan etwas mehr. Aus 150 Metern Carry werden so rund 165.
Die Regel ist ein Startwert, kein Naturgesetz. Temperatur, Luftfeuchtigkeit und vor allem der Wind in den Alpentälern verschieben das Ergebnis in beide Richtungen. Wer sie als Ausrede für einen schlechten Schlag verwendet, hat sie falsch verstanden.
Nicht jeder Schläger gewinnt gleich viel
Der Effekt hängt an der Flugzeit. Ein Schlag, der lange in der Luft ist, profitiert stärker als einer, der flach und kurz fliegt. Konkret heisst das: Driver und lange Eisen gewinnen am meisten, die kurzen Eisen und Wedges am wenigsten, und beim Putten ändert sich gar nichts.
Der praktische Schluss für eine Runde in Crans oder Samedan: Rechnen Sie beim Driver mit dem vollen Effekt, bei den Wedges mit fast keinem. Wer pauschal einen Schläger weniger nimmt, ist mit dem Pitching Wedge plötzlich hinter dem Grün.
Das Gefälle zählt mehr als die Höhe
Auf einem Bergplatz kostet Sie ein Schlag bergauf mehr Meter, als die Höhenlage Ihnen schenkt. Auf einem Schlag mit zwanzig Metern Höhenunterschied bergauf verlieren Sie deutlich mehr, als zehn Prozent dünnere Luft ausgleichen. Der Blick auf die Scorekarte hilft dabei nicht: Sie zeigt die horizontale Distanz.
Deshalb bringt ein Entfernungsmesser mit Höhenkorrektur auf einem Alpenplatz mehr als jede Rechenregel – im Turnier ist die Funktion allerdings nicht überall zugelassen, prüfen Sie die Platzregel.
Was die Höhe mit dem Körper macht
Achtzehn Löcher auf 1’700 Metern sind anstrengender als achtzehn Löcher im Mittelland, und das merken die meisten erst ab Loch zwölf. Trinken Sie mehr, als Sie es gewohnt sind, nehmen Sie etwas zu essen mit, und planen Sie die Runde nicht auf den ersten Tag nach der Anreise.
Die Sonne ist der zweite Punkt: Auf dieser Höhe ist die UV-Belastung deutlich höher als im Flachland. Sonnencreme und Kopfbedeckung sind hier Ausrüstung, nicht Komfort.
Die Plätze, auf denen sich das lohnt
- Crans-sur-Sierre, auf dem Hochplateau von Crans-Montana bei rund 1’500 Metern: der 18-Loch-Platz Severiano Ballesteros, der 9-Loch-Platz Jack Nicklaus und der Noas mit neun Löchern, der fast das ganze Jahr offen ist.
- Engadin Samedan, auf 1’700 Metern: der älteste Golfclub der Schweiz, 1893 gegründet, mit den beiden 18-Loch-Plätzen Samedan und Zuoz-Madulain, beide Par 72.
- Verbier, auf 1’531 Metern, mit den Plätzen Esserts und Moulins, offen von Mai bis November je nach Schneelage.
- Gstaad-Saanenland, 18 Löcher Par 70 auf 1’400 Metern, in einem Flachmoor von nationaler Bedeutung.
Was die Höhe mit dem Ball macht, im Detail
Die dünnere Luft wirkt auf zwei Grössen gleichzeitig, und sie ziehen in entgegengesetzte Richtungen. Der geringere Luftwiderstand lässt den Ball weiter fliegen, das ist der bekannte Teil. Weniger bekannt ist, dass der geringere Auftrieb den Ball auch früher absinken lässt: Die Flugkurve wird flacher und länger statt höher.
Für die Praxis heisst das dreierlei. Ein hoch fliegender Ball gewinnt mehr als ein flacher. Der Ball hält auf dem Grün etwas schlechter, weil er flacher ankommt, also planen Sie mehr Rollweg ein. Und die Kurve eines Slices oder Hooks fällt in dünner Luft geringer aus, was manchen Spielern die Runde ihres Lebens beschert und andere über die andere Seite des Fairways schickt, weil sie zu weit vorgehalten haben.
Die Saison der Bergplätze
Die Höhe kostet auch Zeit. Plätze auf 1’400 bis 1’700 Metern öffnen je nach Schneelage im Mai und schliessen im Oktober, das Engadin hat in manchen Jahren nur eine Saison von Juni bis September. Wer eine Reise plant, sollte die Platzöffnung telefonisch prüfen und nicht dem Kalender glauben.
Innerhalb der Saison sind Juni und September die besseren Monate: gute Platzverhältnisse, freiere Startzeiten und ein Licht, für das man allein hinauffährt. Im Juli und August konkurrieren Sie mit den Feriengästen, und die Startlisten sind Wochen im Voraus vergeben.
Und rechnen Sie mit dem Wetter der Berge. Ein Vormittag mit Sicht bis zu den Viertausendern und ein Gewitter um vier Uhr am selben Tag sind normal. Die Anlagen haben Regeln für die Sirene; halten Sie sich daran, weil ein Golfplatz in Gewitterlage kein Ort ist, an dem man diskutiert.
Wie Sie die erste Runde angehen
Spielen Sie die erste Runde in der Höhe ohne Zählen. Notieren Sie stattdessen bei jedem vollen Schlag die tatsächliche Distanz. Nach achtzehn Löchern haben Sie eine persönliche Tabelle, die jeder Faustregel überlegen ist, weil sie Ihre Ballflugkurve enthält und nicht die eines Durchschnittsspielers.
Die zweite Runde spielen Sie dann mit dieser Tabelle – und mit dem Wissen, dass der Wind in einem Alpental innerhalb von zwei Löchern die Richtung wechseln kann.
Der Fehler, den Gäste aus dem Mittelland machen
Er passiert fast immer auf demselben Loch: dem ersten kurzen Par 3. Der Spieler nimmt den Schläger, den die Zahl auf dem Entfernungsmesser bedeutet, schlägt ihn sauber und steht anschliessend fünfzehn Meter hinter dem Grün.
Die Korrektur ist einfach und wird trotzdem selten gemacht: Rechnen Sie die Höhenkorrektur einmal für Ihre eigenen Distanzen aus und schreiben Sie die Zahlen auf eine Karte im Bag, bevor Sie hinauffahren. Zehn Prozent auf 150 Meter sind fünfzehn Meter, also ein voller Schläger; auf 90 Meter sind es neun, also eine halbe Schwunglänge.
Und lesen Sie die Grüns von der Umgebung her. Auf einem Bergplatz täuscht das Auge, weil der Hang im Rücken die Wahrnehmung der Ebene verschiebt: Putts laufen zuverlässig vom höchsten sichtbaren Punkt weg, auch wenn das Grün anders aussieht.
Was Sie sonst noch einplanen sollten
Zur Ausrüstung: Ein Entfernungsmesser mit Höhenkorrektur ist auf diesen Plätzen die nützlichste Anschaffung, die es gibt, und im vorgabewirksamen Wettspiel ist die Funktion in der Regel nicht zugelassen. Kaufen Sie deshalb ein Modell, bei dem die Abschaltung von aussen sichtbar ist.
Zur Kleidung: Auf 1’700 Metern kann der Morgen bei zehn Grad beginnen und der Nachmittag bei fünfundzwanzig enden. Eine zusätzliche Schicht, eine Windjacke und ein zweiter Handschuh gehören in den Bag, auch bei bester Prognose.
Zum Gehen: Die Bergplätze sind zu Fuss anspruchsvoller als jede Anlage im Mittelland, und ein Cart oder ein elektrischer Trolley ist die Bedingung dafür, dass die zweite Runde am Folgetag noch Freude macht. Fragen Sie bei der Reservation nach der Verfügbarkeit, weil sie in der Hochsaison begrenzt ist.
Und wenn Sie nur einmal hinauffahren
Dann nehmen Sie den Neun-Loch-Platz statt der grossen Runde. Er kostet weniger, dauert zwei Stunden, und die Höhenrechnung lernen Sie darauf genauso gut wie auf achtzehn Löchern, ohne am zwölften Loch müde zu sein.
Wo Sie reservieren
- Golf Club Crans-sur-Sierre: Startzeiten und Tarife der laufenden Saison.
- Engadine Golf Club: Samedan und Zuoz-Madulain.
- Golf Club Verbier: am Wochenende unbedingt vorher reservieren.
- Golfclub Gstaad-Saanenland.
Die Greenfees der Alpenplätze liegen in der Hochsaison deutlich über denen im Mittelland; lassen Sie sich den Betrag in Franken bei der Reservation bestätigen. Prüfen Sie vor der Abreise ausserdem die Platzöffnung. In den Bergen entscheidet der Schnee über den Saisonstart, nicht der Kalender.



