Grüns lesen: die Methode statt des Geheimnisses
Ein Putt bricht am stärksten, wenn er langsam wird. Wer beim Loch anfängt zu lesen und rückwärts arbeitet, liest schneller und besser.
Kurz gefasst
- Das letzte Drittel entscheidet, die ersten zwei zählen kaum.
- Grüns entwässern: das große Gefälle zeigt zur nächsten Senke.
- Erst das Tempo festlegen, dann die Kurve für dieses Tempo lesen.
- Auf einen Punkt zehn Zentimeter vor dem Ball zielen, nicht auf das Loch.
- Poa annua wächst im Tagesverlauf: nachmittags mehr Tempo, weniger Kurve.
Grüns lesen gilt als Geheimwissen. Tatsächlich ist es Beobachtung und ein wenig Arithmetik. Drei Gewohnheiten bringen einen Amateur nahe an die Lesequalität eines Professionals, und keine davon kostet Geld.
Was die Sache verkompliziert, ist eine falsche Vorstellung von der Aufgabe. Die meisten Amateure glauben, sie müssten die gesamte Krümmung des Putts vorhersagen. Tatsächlich reicht es, zwei Fragen zu beantworten: Wohin fällt das Grün insgesamt, und was tut der Ball auf dem letzten Meter. Alles dazwischen ist zweitrangig, und wer es weglässt, liest schneller und besser.
Das letzte Drittel zuerst lesen
Ein Putt bricht am stärksten, wenn er langsam wird, also kurz vor dem Loch. Deshalb wird beim Loch begonnen und rückwärts gelesen. Die ersten zwei Drittel zählen weit weniger, als die meisten annehmen.
Der physikalische Grund ist einfach: Solange der Ball schnell rollt, wirkt die Hangneigung nur kurz auf ihn ein; wenn er langsam wird, wirkt sie länger und der Weg krümmt sich stärker. Ein Zwölf-Meter-Putt, der auf halbem Weg noch fast gerade läuft, macht auf dem letzten Meter mehr Break als auf den ersten zehn zusammen.
Praktisch heißt das: Stellen Sie sich hinter das Loch und betrachten Sie den Bereich von etwa einem Meter Radius darum. Wo würde ein Ball von selbst hinlaufen, wenn man ihn dort ablegte? Diese Richtung ist Ihre Eintrittslinie ins Loch, und der Rest des Putts hat nur die Aufgabe, den Ball dorthin zu bringen.
Das große Gefälle vor dem kleinen
Wasser fließt irgendwohin. Beim Betreten des Grüns den tiefsten Punkt der Umgebung suchen: einen Bach, einen Teich, die Senke. Auf flach wirkenden Anlagen im Norden ist dieses große Gefälle oft die einzige verlässliche Information. Putts brechen häufiger dorthin, als die Oberfläche vermuten lässt.
Grüns werden so gebaut, dass Wasser abläuft, sonst stünde nach jedem Gewitter eine Pfütze auf der Fläche. Das allgemeine Gefälle eines Grüns zeigt deshalb praktisch immer zur nächsten Entwässerung, und diese Information bekommen Sie beim Hinaufgehen geschenkt, bevor Sie irgendetwas gelesen haben.
In hügeligem Gelände kommt ein zweiter, größerer Bezugspunkt dazu: der Berg. In Voralpenland und Mittelgebirge laufen Putts überraschend zuverlässig vom höchsten sichtbaren Punkt weg, auch wenn das Grün selbst anders aussieht. Das Auge wird von der Umgebung getäuscht, das Wasser nicht.
Die Füße benutzen
Auf der Linie vom Ball zum Loch gehen. Die Füße spüren ein Gefälle, das das Auge nicht sieht. Das geschieht, während die Mitspieler spielen, und kostet keine Sekunde Spielzeit.
Achten Sie dabei auf die Fußgelenke und nicht auf die Fußsohlen: Der Winkel im Sprunggelenk meldet Steigung und Gefälle sehr genau. Und gehen Sie den Weg tatsächlich ab, statt daneben zu laufen; ein Meter seitlich versetzt kann auf einem welligen Grün eine andere Neigung sein.
Bei starkem Gefälle lohnt zusätzlich der Blick von der tiefen Seite. Von unten sieht man Neigungen, die von oben verschwinden, und wer nur von hinter dem Ball liest, unterschätzt den Break systematisch.
Das Tempo entscheidet über die Kurve
Ein fest gespielter Putt bricht weniger, ein sterbender Putt bricht mehr. Zuerst das Tempo festlegen, dann die Kurve für dieses Tempo lesen. Der häufigste Fehler ist, die Kurve zu unterschätzen, weil man fester zu spielen plante, als man dann tatsächlich spielt.
Entscheiden Sie deshalb bewusst, welchen der beiden Putts Sie spielen wollen. Der feste Putt, der den Ball dreißig bis fünfzig Zentimeter hinter das Loch treiben würde, nimmt weniger Break an und ist auf holprigen oder frisch aerifizierten Flächen die bessere Wahl. Der sterbende Putt nutzt die ganze Breite des Lochs, verlangt aber eine Länge, die Sie treffen müssen.
Was nicht funktioniert, ist der Mischzustand: eine Linie für den festen Putt lesen und dann zögerlich schlagen. Der Ball geht dann unterhalb der Linie am Loch vorbei, und fast jeder Amateur kennt dieses Bild.
Auf einen Punkt zielen, nicht auf eine Linie
Eine Verfärbung oder eine ausgebesserte Pitchmarke wenige Zentimeter vor dem Ball auf der Startlinie wählen und den Ball darüber rollen lassen. Auf zehn Zentimeter zu zielen ist ungleich präziser als auf ein Loch in zehn Metern.
Die Linie auf dem Ball hilft demselben Zweck, wenn man sie tatsächlich benutzt: ausrichten, hinstellen, prüfen, ob die Linie noch dorthin zeigt, wohin man gelesen hat. Wer sie nur aufmalt und dann nach Gefühl schlägt, hat nichts gewonnen.
Poa annua und der Nachmittagsstart
Viele ältere deutsche Grüns tragen einen hohen Anteil Poa annua, die im Lauf des Tages wächst. Ein Putt am Morgen rollt sauber; derselbe Putt um sechzehn Uhr springt in den letzten sechzig Zentimetern und wird langsam. Das ist kein schlechter Schlag, das ist die Oberfläche, am Nachmittag also etwas mehr Tempo und etwas weniger Kurve. Und wer zum ersten Mal auf einer Anlage spielt, behandelt die ersten drei Putts bewusst als Kalibrierung.
Ähnlich verhält es sich mit Tau und mit den Wochen nach dem Aerifizieren. Ein betautes Grün um acht Uhr ist deutlich langsamer als dasselbe Grün um vierzehn Uhr, und über frisch besandete Flächen laufen Putts langsamer und nehmen weniger Break an. In beiden Fällen ist die richtige Antwort dieselbe: fester putten und weniger Kurve einrechnen.
Die Kornrichtung, und warum sie in Deutschland selten zählt
In Reiseberichten aus warmen Ländern ist viel von der Wuchsrichtung des Grases die Rede, die Putts beschleunigt oder bremst. Auf den kühlen Gräsern, die in Deutschland auf Grüns wachsen, ist dieser Effekt deutlich schwächer als das Gefälle und in den allermeisten Fällen zu vernachlässigen.
Wo er auftaucht, ist er sichtbar: Eine Fläche, die von einer Seite silbrig glänzt und von der anderen dunkel wirkt, wächst in die Richtung, aus der sie dunkel aussieht, und Putts dorthin laufen langsamer. Wer auf einer Winterreise nach Spanien oder Portugal spielt, sollte darauf achten; zu Hause reicht das Gefälle.
Die Übung dazu
Vier Bälle in drei Metern Abstand um ein Loch am Hang. Alle vier putten und dabei nur die letzten sechzig Zentimeter betrachten. Danach dasselbe aus fünf Metern. Zehn Minuten genügen, damit das Auge lernt, was das letzte Drittel auf diesem Grün tut.
Eine zweite Übung braucht nur einen einzigen Ball: Legen Sie ihn an verschiedenen Stellen des Übungsgrüns ab und beobachten Sie, ob und wohin er von allein rollt. Das ist die ehrlichste Gefälleauskunft, die es gibt, und sie deckt regelmäßig Neigungen auf, die man auf demselben Grün seit Jahren übersieht.
Wo Sie das in Deutschland üben können
Das Übungsgrün der Anlage, die Sie ohnehin spielen, ist die vollständige Antwort, und es ist im Greenfee oder im Beitrag enthalten. Zehn Minuten früher zu kommen ist der ganze Aufwand, und im Gegensatz zur Range kostet es keine Bälle.
Wichtig ist nur, dass das Übungsgrün annähernd wie die Spielgrüns gepflegt wird. Fragen Sie im Sekretariat, ob es mit derselben Höhe gemäht und gewalzt wird; auf einigen Anlagen ist es das nicht, und dann eichen Sie zehn Minuten lang auf die falsche Geschwindigkeit.
Zu Hause leistet eine Puttmatte für Startlinie und Bewegung gute Dienste und für das Lesen gar nichts, weil sie exakt eben ist. Für alles, was mit Gefälle zu tun hat, führt kein Weg an einer echten Fläche vorbei.
Panxis Golf unterhält keine geschäftlichen Beziehungen zu den genannten Anlagen.
Was man lassen sollte
- Nicht nur von hinter dem Ball lesen: mindestens zwei Blickwinkel, einer davon von der tiefen Seite.
- Nicht länger brauchen als die Mitspieler: langsam lesen heißt nicht besser lesen.
- Nicht die Linie beschuldigen, wenn der Putt gezogen war: die Schlagflächenstellung erklärt mehr Fehlputts als das Gefälle.
- Nicht die Kurve lesen, bevor das Tempo feststeht; die beiden hängen zusammen.
- Nicht auf das Loch zielen, sondern auf einen Punkt kurz vor dem Ball.
Grüns lesen ist eine Gewohnheit und kein Talent. Wer sie sich in einer Saison antrainiert, verliert die drei Putts, die er für Pech gehalten hat.



